#TABinterview mit Andreas Reich

EINE FAMILIE AUF ZEIT

Für das #TABinterview trafen wir Andreas Reich. Der 55-jährige ist seit 25 Jahren freischaffender Architekt in Weimar. Seit vier Jahren ist er Landesvorsitzender im Bund Deutscher Architekten Thüringen. Anders als die Architektenkammer ist der BDA nicht die Vertretung aller Architekturschaffenden, sondern eine Interessenvertretung Freischaffender, die sich insbesondere zur Qualität und Verantwortung bekennen. Für eine Mitgliedschaft kann man nur berufen werden. Im #TABInterview spricht er über Qualität und elastisches Wohnen in der Zukunft.

Andreas Reich - seit vier Jahren  Landesvorsitzender im Bund Deutscher Architekten Thüringen
Andreas Reich - seit vier Jahren Landesvorsitzender im Bund Deutscher Architekten Thüringen


Herr Reich, wie würden Sie Ihren Beruf als Architekt skizzieren?
Architekt zu sein heißt, sich mit vielen Fragen rund um das Planen und Bauen zu beschäftigen. Es geht um mehr als nur den „schönen Entwurf“. Es geht um Kosten, Termine und den immer größer werdenden Berg von Bauvorschriften.

Hat sich das Berufsbild im Laufe der letzten Jahre stark verändert?
Ich meine ja! Neue Vergabeverfahren führen immer stärker dazu, dass Architekten sich auf bestimmte Bauaufgaben spezialisieren müssen. Obwohl unser Beruf meiner Auffassung nach eigentlich der eines Generalisten ist. Außerdem wächst das Bewusstsein dafür, dass Gebäude und das Bauen einen nicht zu unterschätzenden Anteil am Ressourcenverbrauch unserer Gesellschaft haben.

Was ist das größte Missverständnis zwischen Bauherren und Architekten?
Dass wir Architekten die Häuser der zukünftigen Bauherren noch nicht fertig geplant in der Schublade liegen haben und man nicht übermorgen einziehen kann. Unsere Kundschaft baut ihre eigenen vier Wände oft zum ersten und wahrscheinlich zum letzten Mal in ihrem Leben und kommt zum ersten Kennenlern-Termin mit ganz konkreten Fragen: Wie sieht es aus? Was kann es? Was kostet es? Und wann kann ich einziehen? Unsere Entwürfe liegen aber eben nicht fertig in der Schublade. Architektur entsteht Schritt für Schritt, im kontinuierlichen Dialog zwischen Bauherren und Architekt.

Wie finde ich den „richtigen“ Architekten, der zu mir passt?
Ich glaube, Mund-zu-Mund-Propaganda, also die Empfehlung durch einen zufriedenen Bauherren ist eine gute Möglichkeit. Es geht aber auch über die Öffentlichkeitsarbeit der Kammern und des BDA. Oft ist auch einfach das gelungene Stück Architektur der Ausgangspunkt dafür, dass jemand sagt, so etwas möchte ich auch. Wer hat das geplant? In unserer Branche ist das Werk sehr stark an die Person gebunden.

Was ist bei der Suche nach dem richtigen Architekten wichtig?
Es muss menschlich einfach passen. Jede Projektkonstellation ist so etwas wie eine kleine Familie auf Zeit. Man hat plötzlich einen ganzen Haufen neuer Verwandter, die sich verstehen möchten. Da ist es sehr wichtig, dass die Chemie zwischen Bauherrenschaft und Architekt stimmt und man von Anfang an vertrauensvoll zusammenarbeitet.

Woran erkenne ich einen guten Architekten?
Sicherlich sollte man sich nicht von Äußerlichkeiten leiten lassen, sondern auf seine Werke schauen. Aber auch hier nicht nur auf die Optik, sondern auf Funktionalität, Kosten und Zeit. Ein guter Architekt wird sich Zeit für Sie nehmen, wird versuchen, Ihre Bedürfnisse zu verstehen und Ihnen seine Beweggründe, warum seine Vorschläge so oder so aussehen, in einer für Sie verständlichen Sprache erläutern.

Andreas Reich - Bund Deutscher Architekten Thüringen
"In unserer Branche ist das Werk sehr stark an die Person gebunden." (Quelle: reich.architekten bda)


Braucht man auch einen Architekten bei einer Sanierung?
Das kommt ganz darauf an. Wenn Sie nur neue Tapeten, Fußboden oder eine Wärmedämmung im Bestand verlegen möchten, dann brauchen Sie natürlich keinen von uns. Wir helfen bei strukturellen Veränderungen. Zum Beispiel können wir Ihnen Vorschläge machen, wie man aus zwei kleinen Wohneinheiten eine großzügige Familienwohnung machen kann. Außerdem ist man mit einem Architekten oft auch besser beraten, damit das Ergebnis auch ästhetisch gelingt.

Was ist das Wichtigste in der Bauherren-Architekten-Beziehung?
Offenheit ist essenziell. Alles andere führt zwangsläufig zu Frustration oder Missverständnissen. Als Bauherr lasse ich mich in einen Prozess fallen, bei dem ich nicht schon am ersten Tag das Ergebnis kenne, sondern auch bereit bin zuzuhören. Fantasie braucht man dann auch noch, denn das Lesen der Pläne ist für Laien nicht immer einfach. Was im Grunde auch nicht schlimm ist. Schlimm wird es erst, wenn man sich nicht traut zu sagen, dass man gerade gar nicht so richtig weiß, was einem da gezeigt wird. Das kann dann schnell zu einer unglücklichen Erfahrung werden. Die technischen Entwicklungen helfen aber gerade sehr weiter, die Visualisierung und die Kommunikation verändern sich rasant.

Was ist der größte Fehler, den Bauherren machen?
Ich denke, Fertighäuser zu kaufen. Viele Bauherren wären gut beraten, wenn sie sich dem Entwicklungsprozess und der Zusammenarbeit mit einem Architekten stellen würden, um ihr persönliches Traumhaus zu entwerfen. Dabei muss man natürlich immer auch darauf achten, wofür man das zur Verfügung stehende Budget ausgibt. Außerdem ist es wichtig, dass man heute schon daran denkt, was die irgendwann kommenden Renovierungen „morgen“ kosten. Das sogenannte Wärmedämmverbundsystem ist dafür ein gutes Beispiel. Das ist im Augenblick immer noch das preiswerteste Bausystem für die Fassade, aber auch das mit der kürzesten Lebenserwartung. Es ist nicht reparabel, sondern es muss alles runter, neu drauf und dann hält es wieder nur 20 Jahre. Am Ende ist billig dann teuer.

Sehen Sie aktuelle Architekturtrends?
Architektur ist auf den ersten Blick natürlich auch so etwas wie Modeerscheinungen unterworfen. Nach der „Moderne“ kam dann irgendwann die „Postmoderne“ und heute muss man im Einfamilienhausbau eigentlich schon konstatieren, dass theoretisch alles geht und alles verfügbar ist. Es gibt leider genug Neubaugebiete, wo das „Schwedenhaus“ neben dem „Kykladen-Palast“ und der „Schweizer Blockhütte“ steht. Das repräsentiert einfach die unterschiedlichen formalen und ästhetischen Vorstellungen der Menschen. Im hundertsten Jubiläumsjahr des Bauhauses ist auch der „Bauhausstil“ immer noch ein Trend. Aber anders, als ein neues Kleid oder ein paar schicke Schuhe benutzt man ein Haus eben nicht nur eine Saison, sondern oft ein Leben lang. Deshalb sind Trends und Moden in der Architektur immer auch mit Vorsicht zu genießen. Entscheidungen im Zusammenhang mit Gebäuden sollten auf lange Sicht getroffen werden.

Was heißt für Sie „Wohnen in der Zukunft“?
Ich denke, wir müssen zu allererst noch verantwortlicher mit Fläche umgehen. Der Flächenbedarf eines Menschen verändert sich im Laufe des Lebens. Als kleines Baby in der Wiege braucht man nicht viel. Die Familie, in der man aufwächst, braucht natürlich wenigstens den Platz für die Wiege. Als Student ist man mit einem Zimmer zwischen 8 und 30 m² zufrieden, und wenn man dann selbst eine Familie gründet, braucht man wieder viel Platz. Der Platzbedarf ist immer in Bewegung. Man kann und will aber nicht ständig umziehen. Deswegen sollten unsere Gebäude flexibler werden und unterschiedliche Formen des Zusammenlebens zulassen. Sie sollten sich einfach besser an die veränderten Anforderungen des Einzelnen anpassen.

Wie erreichen wir, dass weniger Wohnungen gehortet werden?
Für viele Menschen wäre es eigentlich klug, über den Moment und über die Grenzen der eigenen Familie hinauszudenken: Was brauche ich in zehn, 20 oder 50 Jahren? Das führt unter Umständen dazu, dass man stärker darüber nachdenkt, gemeinsam mit anderen zu bauen. Für fünf junge Familien in einem Haus macht das natürlich keinen Sinn, weil alle die gleiche Belastungskurve vor sich haben. Aber wenn man das stärker durchmischen würde, könnte das zu einer gegenseitigen Entlastung führen. Ein elastisches Wohnen könnte eines der Zukunftsthemen sein, die mutige Bauherren und gute Architekten gemeinsam anpacken.